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Hungersnot durch Vulkanausbruch (1815)

 
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davX
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Anmeldungsdatum: 08.06.2004
Beiträge: 8573
Wohnort: Schweiz

BeitragVerfasst am: 09.05.2015 11:45    Titel: Hungersnot durch Vulkanausbruch (1815) Antworten mit Zitat

...auf der anderen Seite der Weltkugel.

Ich bin da kürzlich darauf gestossen und ich fand es bemerkenswert, welch ein grosser Einfluss offenbar ein Naturereignis auf das Weltklima haben kann.

Konkret geht es um folgendes Geschehen: Im April 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Ein Jahr später gab es einen schlechten Sommer, der in der Schweiz offenbar dazu führte, dass in der Ostschweiz (insbesondere im Appenzellerland) es zu einer Hungersnot kam. Daniel Krämer von der Uni Bern, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigte, meinte, dass sich die Menschen von Aas und Gras ernähren mussten [1]. Jedoch der Westen der Schweiz kam besser davon, weil sie mehr Landwirtschaft betrieben (und es ist immer noch eine der wichtigeren Regionen für Landwirtschaft).
Auch in den USA soll sich der folgende Sommer recht verheerend ausgewirkt haben. Das Ereignis wirkte sich also offenbar weltweit aus. Im englischen Sprachraum prägte sich der Begriff "das Jahr ohne Sommer" (the year without a summer):
http://history1800s.about.com/od/crimesanddisasters/a/Eruption-Of-Mount-Tambora.htm

Bei genaueren Betrachtung ist jedoch die Sache nicht so einfach:
http://www.winterplanet.de/Sommer1816/Jos-Teil3.html

Es gab einerseits regionale Unterschiede, andererseits waren auch die Jahre davor und die Jahre danach nicht sehr gut und hatten schlechte Sommer:
Zitat:

Schon Hans v. Rudloff hat festgestellt, daß für West- und Südeuropa das Jahrzehnt 1812 - 1821 bezogen auf die Sommer das kälteste der letzten 250 Jahre war. 1816 liegt also inmitten einer ganzen Serie oft europaweit schlechter Sommer, was Rudloff daran zweifeln ließ, ob der Tambora-Ausbruch die einzige bzw. Hauptursache für die Verhältnisse von 1816 darstellte [11]. Richtig an dieser Sicht ist sicherlich, daß man solch singuläre Jahre wie 1816 immer auch in Relation zu ihrem direkten zeitlichen Umfeld betrachten muß (3).

Quelle: http://www.winterplanet.de/Sommer1816/Jos-Teil3.html


Also alles nur ein Mythos?
Zitat:

Läßt man alle Daten und Diagramme dieses Kapitels Revue passieren, so ergibt sich ein recht komplexes Bild des Sommers 1816 in Europa: es gab Regionen mit viel zu kaltem, aber auch solche mit normalem bzw. gar zu warmem Sommer. Und bei den zu kalten Regionen kann man wiederum differenzieren in solche, wo der 1816er Sommer zu den kältesten der (mindestens) letzten 220 - 230 Jahre gehört, und solche, wo andere Jahre 1816 noch klar überbieten (besser: unterbieten) an Wetterungunst. Insgesamt gesehen verliert also der Sommer 1816 bei Analyse der vorliegenden instrumentellen Meßreihen viel von seinem legendären Ruf. Man fragt sich, warum z.B. der Sommer 1821 nicht ebenso schlecht beleumundet ist; schließlich war dieser der europaweit Schlechteste des Zeitraums 1801 - 1830 und sogar der „Gesamtsieger“ 1771 - 1990! Die Anomalie-Diagramme zeigen nun aber, daß 1821 besonders im Norden und Osten Europas sehr schlecht war, Teilen Europas also mit schlechterer historischer Quellenlage verglichen mit der von West- und Mitteleuropa, jedenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts. [...]

1803 und 1804 gab es in weiten Teilen Europas schlechte Ernten. 1805 schließlich kam es dann zu regelrechten Hungersnöten: so wird berichtet, daß im März in Schlesien Katzen gegessen wurden und in Göttingen ließ die Stadtverwaltung zwischen Juni und September Brot und Suppe an Bedürftige ausgeben [13]. Tatsächlich war der Sommer 1805 [...] ziemlich schlecht [...] Die Sommer von 1803 und 1804 hingegen sind normal bzw. teilweise sogar zu warm.

Die Krise von 1816/17 war wohl schwerwiegender, zumal in ihrem Gefolge eine Typhus-Epidemie sich über Europa ausbreitete. In einigen Städten Deutschlands wurden Bäckereien und Metzgereien geplündert; Nürnberg und wiederum Göttingen gaben in den Sommermonaten 1817 Brot und Suppe an Arme aus. Die Getreidepreise erreichten historische Spitzenwerte, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England und Frankreich, wo Getreidetransporte oft nurmehr unter massivem Polizeischutz stattfinden konnten [2]. Und in der Schweiz war der Sommer so kalt und verregnet, daß die Heuernte buchstäblich ins Wasser fiel, die Milch- und damit Käseproduktion stark vermindert war und das Getreide nass geerntet werden mußte, so daß es teilweise in den Speichern verschimmelte [14]. Diese Versorgungskrise West- und Mitteleuropas kann also durch den sehr schlechten Sommer 1816, gefolgt vom mäßig schlechten Sommer 1817, ganz gut erklärt werden. Ins Bild passt, daß (mir zumindest) keine entsprechend dramatischen Berichte aus Nord- und Osteuropa bekannt sind - waren dort doch wie gezeigt diese Sommer deutlich besser als im Westen.

[...]

1816 stellt (in Europa) für sich alleine betrachtet somit nichts wirklich singuläres dar, weder vom Wetter noch von der Versorgungskrise her gesehen - das Besondere dieser Jahre liegt vielmehr, wie schon mehrfach erwähnt, in der Serie schlechter bis sehr schlechter Sommer in West-, Süd- und Mitteleuropa, die ihren kalten Höhepunkt dann mit dem Sommer 1816 hatte.

Quelle: http://www.winterplanet.de/Sommer1816/Jos-Teil3.html


Auch die Wikipedia ist hilfreich, wenn es um den Geschichtlicher Kontext geht:
http://de.wikipedia.org/wiki/1815

Fazit?
Hatte letztlich der Vulkanausbruch mit dem schlechten Wetter im folgenden Sommer nichts zu tun? Der Umstand, dass es auch kältere Sommer gab und dass der Sommer nicht überall so schlecht ausfiel, teilweise sogar besser war als der Durchschnitt, würde diese Überlegung nahe legen. Allerdings ist Klima nicht so eine einfache Sache. Wenn man Proxydaten wie die Bestimmung des Klimas durch Baumringe oder durch Eiskernbohrungen hinzunimmt, bekommt man umfangreichere Daten um das globale Klima besser zu beurteilen, denn überlieferte Messdatenreihen des Klimas ist nur aus wenigen Regionen der Welt über mehrere Jahrhunderte hindurch gut dokumentiert. Dabei zeigt sich, dass durchaus in manchen Klimaereignissen Vulkanausbrüche einen Einfluss gespielt haben könnten, es gibt aber auch Ausreisser, die dieser Theorie widersprechen. Auch spielt das durchschnittliche Klima eine Rolle, so soll zum Beispiel um das Jahr 1600 herum der Höhepunkt einer "kleinen Eiszeit" stattgefunden haben und in diesem Zusammenhang war das rekordkalte Jahr 1601 im Vergleich zu den Jahren davor nicht so extrem kälter. Eine Theorie versucht dies mit mehreren kleinen Vulkanausbrüche zu erklären, welche diese kleine Eiszeit ausgelöst hätten.
Doch wie bereits erwähnt, wird es bei Klima schnell spekulativ, komplexte Wechselwirkungen und Ungenauigkeiten bei den Klimadaten erschweren zusätzlich eine präzise Interpretation.

So gesehen kann man zwar sagen, dass das generelle Bild des Jahres 1816 als Jahr ohne Sommer falsch ist und nur auf einige Regionen zutraff, während andere davon nicht betroffen waren, doch das Jahr war global betrachtet unterdurchschnittlich kalt und der Vulkanausbruch wäre eine plausible Erklärung, welche diese kalten Temperaturen mitverursacht hat. Interessanter ist aber noch eine andere Tatsache: beim Thema Klimawandel geht gerne vergessen, dass das Klima nicht gleichmässig ist und sich schön langsam über die Jahre erwärmt oder abkühlt, sondern dass es sprunghaft sein kann und es immer wieder Ausreisser gibt, sowohl unterdurchschnittlich kühle Jahrzehnte gibt es, aber auch überdurchschnittlich warme. Während solche eher kurzfristigen Änderungen zwar für uns Menschen spürbar sind, aber über die Jahrzehnte sich eben auch durchaus relativieren können, gibt es eben auch langfristige Prozesse, wie das Abtauen und schmelzen von Gletscher oder Dauerfrostböden und stellen daher einen verlässlicheren Klimaindikator dar.

Weitere Quellen:
[1] "Als die Appenzeller Gras assen". Blick am Abend, Fr. 10. April 2015, S. 8.
_________________
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