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Karen Duve: Anstaendig essen

 
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davX
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Anmeldungsdatum: 08.06.2004
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BeitragVerfasst am: 25.01.2019 07:52    Titel: Karen Duve: Anstaendig essen Antworten mit Zitat

Huhu,

es geht um das Buch, das vor bald 10 Jahren für einige Aufmerksamkeit sorgte:

Duve, K. (2011): Anständig essen. Ein Selbstversuch. 2. Auflage. Galiani, Berlin / Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Ich hatte nicht die Absicht, dass ich darüber mal schreiben werde, es lag allerdings bei uns herum, nachdem es vermutlich von meiner Schwester herangetragen wurde. Mich interessierte dabei in einer Sekunde, da mich die Langeweile überkam, worum es denn in diesem Buch geht, und ich wollte kurz mal reinlesen.

Dabei konnte ich feststellen, was es ausmacht, dass ein Buch zum Bestseller wird, sofern es sich nicht um ein Fachbuch handelt, das zum Nachschlagen genutzt werden soll und nicht gedacht ist zum durchlesen. Man fängt an zu lesen ganz unschuldig und ein flüssiger Schreibfluss, am besten noch mit etwas Humor zieht einem rein, dass die ersten 20-30 Seiten wie im Fluge vergehen und man am Schluss so tief schon im Buch ist, dass man den Ehrgeiz hat, weiterzulesen. Das schaffte die Autorin in ihrem Buch tatsächlich sehr gut. Doch erst mal zur Frage, worum geht es denn eigentlich?

Es geht um Karen Duve, damals um die 50, welche etwas ausserhalb von Berlin in Brandenburg auf dem Land lebt mit ihren Tieren und (unter anderem?) vom Schreiben von Büchern lebt. Seit einiger Zeit hat sie eine Mitbewohnerin, Kerstin, die wahrscheinlich nur etwa halb so alt sein dürfte, in Berlin selbst eine Wohnung hat, die sie mitbenutzen darf und Vegetarierin ist (im Verlaufe des Buches erfährt man, dass sie nicht ganz konsequent ist, was aber gerade am Anfang des Buches nicht wichtig zu wissen ist). Karen hat natürlich ein grosses Herz für Tiere und möchte eigentlich ein guter Mensch sein, denn das ist leztlich die Motivation, welche die Geschichte im Buch vorantreibt. Doch zuerst braucht es einmal eine Situation, in der sich das erst mal zuspitzt und ihr bewusst wird, dass ihr bisheriges Verhalten nicht gut war, sprich das Essen von Fleisch ein krasser Widerspruch ist. Hier schafft es Duve, eine zwar sehr stereotypische Szene zu zeichnen, mit der sich der Durchschnittmensch, der sich von dem Buch und Thema angesprochen fühlt, sehr gut identifizieren können dürfte:

Karen befindet sich im Supermarkt am Einkaufen, mit dabei ist ihre Mitbewohnerin und sie ist gerade dabei ein Fertiggericht "Hähnchen-Grillpfanne" in den Einkaufswagen zu legen, das man nur schnell im Backofen erwärmen könne, da halt Kochen jetzt nicht so ihr Ding sei... Doch während sie das tut, relativ automatisch und ohne gross nachzudenken, meldet sich neben ihr das Gewissen in Form von ihrer Mitbewohnerin, die sie konsequent durchs Buch anfänglich noch Jiminy Grille, später nur noch Jiminy nennt. Den Namen verpasst ihr Karen nach der Grille von Pinocchio, welcher ja kein Gewissen hatte, da er aus Holz war und was dann für ihn die Grille übernahm. "Wieso kaufst du dieses Qualfleisch?" fragte Jiminy, die schon seit einer Weile ihr Essverhalten kommentiert, was zu Reibereien führte. "Je günstiger der Preis, desto unerfreulicher die die Haltungsbedingungen der Tiere" fährt Jiminy fort und bei Karen gehen dann Bilder von Dokus über grausame Bedingungen in der Massentierhaltung durch den Kopf und sie legt das Fertiggericht zurück ins Regal. Die Autorin hat also die erste kleine Lektion gelernt und fängt an nachzudenken, was jedoch seine Weile haben will, denn so fest eingefahrene Verhalten, streift man nicht einfach über Nacht ab und sie weiss zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht, wohin die Reise gehen soll, ausser dass es zu einem besseren Gewissen und weniger Tierleid führen solle. Zum Glück ist bald Weihnachten, Neues Jahr und Vorsätze und so und das wäre die Gelegenheit für einen Selbstversuch, über den man idealerweise natürlich ein Buch schreiben könnte, was die ganze Sache verbindlicher macht. Doch zuvor erwähnt die Autorin noch eine zweite Schlüsselszene, die damals aber erst mal noch nicht wichtig schien, sie schaut den Film Notting Hill, wo Hugh Grant, von seiner Frau verlassen, sich auf neue Beziehungen einlässt, darunter auch eine Frutarierin, was natürlich nicht klappen konnte. Sie lachte damals noch darüber, aber fing offenbar zugleich nachzudenken, hatte sie doch an jenem Tag beschlossen, ein besserer Mensch zu werden. Daraus kristalisierte sich für sie dann ein Programm, das die Autorin durchprobieren möchte, um auf dem Weg zum besseren Menschen herausfinden möchte, mit welchem Aufwand und Auswirkungen das verbunden ist, wenn man jetzt vegetarisch oder vegan lebt. Und da die Frutarier auch schon vorkamen, baute sie diese auch noch mit ein und für den Anfang, da es relativ leicht ist, auch noch Ernährung mit Bio.

Daraus entstand ein Programm aus je zwei Monate Bio-Ernährung, vegetarische Ernährung, vegane Ernährung, frutarische Ernährung und danach, so ihre Idee, würde sie Bilanz ziehen, wofür sie sich nun entscheide.

Der Buchanfang fällt natürlich in die Zeit des Übergangs, wo sie von ihrem alten Leben ihre ersten Schritte tut in Richtung bessere Ernährung, auf Bio achten etc. und sich dabei Gedanken macht. Das liest sich tatsächlich aus meiner Sicht recht süffisant und durch ihr Stilmittel ihre Mitbewohnerin konsequent durchs Buch nur noch Jiminy zu nennen, kommt ein weiteres Element hinzu, das für eine gewisse Komik sorgt. Mit der Zeit entwickelt sie nun einen gewissen Ehrgeiz, da sie anfänglich das Gefühl hatte, dass Jiminy ihr moralisch überlegen wäre, da sie sich überwiegend vegetarisch ernährt und hauptsächlich nur Bio isst. Dieser Ehrgeiz führt letztlich auch dazu, dass sich im Laufe des Buches die Passagen mehren, in denen es um Tierleid und das Klima geht, das man durch die falsche Ernährung natürlich zu verantworten hat, was teilweise stark von Moral trieft und den üblichen Aussagen, die oft vereinfacht sind und nicht unbedingt korrekt, zum Beispiel die Sache mit den Kühen und dem Methanausstoss, dass Tierhaltung ein Klimakiller wäre. Das macht das Buch dann auch stellenweise recht mühsam zum lesen - auch wenn ich verstehen kann, dass ein gewisses Mass an schockierenden Bildern bzw. Beschreibungen nötig sind, zumal das zum Prozess dazu gehört und der Leser auch aufgerüttelt werden soll, wird für meinen Geschmack der Bogen da teilweise überspannt. Ich bin mir das gewohnt, könnte mir aber vorstellen, dass mancher, der sich überlegt über den Tellerrand zu schauen, um zu erfahren, wie das nun mit vegetarischer Ernährung und so sei, da vielleicht auch irgendwann genug hat und das Buch weglegt, was natürlich schade wäre, da der Erfahrungsbericht an sich bis zum Schluss die Spannung halten kann und durchaus einige überraschende Momente bieten kann.

So durchläuft die Autorin die verschiedenen Stadien ihres Selbstversuches, wobei das Ganze ärztlich überwacht wird. Bei der Umstellung auf Bio merkt man zudem, dass das Bewusstsein für Bio-Lebensmittel offenbar auch etwas ist, das man erst mal entwickeln muss, ist man damit nicht bereits schon aufgewachsen (wie es bei mir der Fall ist). Auch ist es für mich recht unverständlich, wie die Autorin auf ihre Cola Light schwört (was sie im Laufe der Geschichte auch noch in Frage stellen wird, da herauskommt, wie ethisch unsauber der Coke-Konzern arbeitet) und man später erfährt, als sie verschiedene Colas durchprobiert, die biologisch hergestellt sind, dass die ihr nicht schmecken. Für mich war Cola immer etwas, das es nur selten gab und da war man dann bezüglich Geschmack nicht so wählerisch, zumal die meisten Colas doch recht ähnlich schmecken um nicht zu sagen, die sind doch eh alle gleich (mit ein paar Ausnahmen). Kommt noch dazu, dass ich durch unsere slowakischen Nachbarn recht früh mit der Ostcola "Kofola" in Berührung kam, die doch recht anders schmeckt, wirklich recht anders, da sie einen herberen Geschmack hat und ich die anfänglich gar nicht mochte (ich glaube sie enthält Lakritze?). Aber mittlerweile ist das ein Highlight, wenn ich mal wieder in Tschechien und Region bin, dass ich mir davon ein paar Flaschen besorge.
Beim Thema vegane Lebensweise macht die Autorin nicht Halt bei allem, was nicht mit dem Essen zu tun hat und merkt dabei, dass zwei Monate nicht reichen, um das auszuprobieren und sich selbst ein Bild davon zu machen und erweitert auf 4 Monate. Spannend wird es für mich bei den Frutarier, welche anfänglich verschrien, dann im Selbstversuch einige interessante Eigenarten zeigen, die mich erinnern an die Themen bei uns über die verschiedenen Ernährungsphilosophien von Rohköstlern, über Instincto bis hin zu Paläo/Urzeitkost und was es alles da noch so gibt. Wo der Veganer sich in sein enges moralisches Konzept begibt, zeigt sich beim Frutarier, dass es da verschiedene Schattierungen gibt und manches auch Sache der Interpretation ist. Man bekommt auf jeden Fall einige gute Denkanstösse und interessante Einsichten.

Zum Schluss zieht Karen Bilanz und trifft eine Entscheidung, die jedoch nicht in einer der von ihr ausprobierten Lebensweisen endet, sondern pragmatisch in 5 Vorsätzen, die von ihrem Selbstversuch inspiriert sind. Auf Fleisch möchte sie fast ganz verzichten, bei den Milchprodukten hat sie dagegen Mühe. Leder- und Daunenprodukte werden ganz gestrichen und generell will sie weniger konsumieren und wenn, dann mehr gebrauchte Sachen kaufen.

Fazit:
Alles in allem ist das Buch gut geschrieben, es liest sich über weite Teile flüssig, mit Humor und die Beschreibungen mit dem Selbstversuch sind interessant, auch die Rückschläge, die nicht fehlen dürfen und zeigen, dass es eben gar nicht so einfach ist. Mühsamer sind da schon die zwischendurch eingestreuten, teilweise recht umfangreichen Passagen, die von Moral nur so triefen und auch so manche Aussage, die man mit etwas mehr Kenntnis der Materie differenzieren müsste, zum Beispiel die Sache mit den klimaschädlichen Kühen und dem Methan und ähnliche Geschichten. Auch die Zitate am Anfang der jeweiligen Kapitel fallen mehrheitlich in diese Kategorie, wobei ich sagen muss, sie sind doch nicht so plump wie so manche Sprüche, die man teilweise in Tier(schützer/retter)foren als Signaturen liest und da ist doch das eine oder andere darunter, was vielleicht auch zum Denken anregt. In diesem Bereich wäre aus meiner Sicht manchmal ein bisschen weniger mehr gewesen. Eher in die Kategorie Kurioses zähle ich die zwischendurch auftauchenden kurzen Passagen, wo man erfährt wo überall in der Welt wieder starke Unwetter waren, die wohl mit dem Klimawandel zu tun haben dürften und uns zeigen sollten, welche Auswirkungen das hat... nur irgendwie machte es auf mich den Eindruck, dass es im Buch irgendwie nicht so richtig reinpasst und dieser Bruch immer wieder eher irritierend wirkt. Ich denke, das hätte man wahrscheinlich irgendwie noch besser mit dem restlichen Inhalt verweben können.

Die grosse Stärke des Buches liegt aus meiner Sicht im Selbstversuch und dem daraus resultierenden Erkenntnisgewinn und dem gerade zu Beginn guten, in leichter Sprache und mit Humor und Situationskomik geschriebene Schreibstil, der für einen gewissen Lesegenuss führt und auch hilft, bei den eher moralisch teilweise überbordenden Stellen nicht aufzugeben. Muss man das Buch nun gelesen haben? Wer vielleicht gar nichts mit Bio am Hut hat und bisher sich wenig mit Ernährung und Co. beschäftigt hat, für den ist es sicher empfehlenswert, um mal eine Orientation zu bekommen und sich selbst damit auseinanderzusetzen. Eine zweite Interessensgruppe, die von dem Buch profitieren dürfte, das wären sicher alle diejenigen, die ihre Ernährung und/oder Lebensweise insbesondere in Bezug auf Ethik umstellen wollen. Da auch die Frutarier im Buch ihren Platz haben, macht das Buch nicht einfach bei den Tieren und veganer Lebensweise halt. Für den Rest kann ich sagen, das Buch ist gute Unterhaltung, wenn man ein gewisses Interesse für diese Themen hat und wer Interesse am Thema Fruitarier hat und darüber mehr wissen möchte, der möge din die entsprechenden Kapitel im Buch springen, die gehören auf jeden Fall zu den besseren Teilen des Buches und bieten auch ein paar Ansatzpunkte bezüglich Literatur und auch wie man das Fruitarierleben auslegen kann, wie diese Ernährung praktisch aussieht und wie sie sich emotional auf den Menschen auswirken kann.

Ich geben dem Buch 3 von 5 Punkten.
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Es preciso conocer el nombre de las plantas para que podamos salutarlas y ellas nos saluden a nosotros. GOETHE

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