Naja ... man lernt mit der Zeit, Quellen im Internet ganz anders zu bewerten
Hab noch was gefunden, wo es einen Hinweis gibt, daß Mistel an der Ostsee verfüttert wurde - und das seit sehr, sehr langer Zeit, vermutlich seit der Jungsteinzeit.
Zitat:
Manche Arten von Bäumen wurden eher geschneitelt als andere, aber ausschließlich Laubbäume, vor allem Ulmen, Eschen und Linden. Auch die Zweige von Misteln, die sich als Schmarotzer im milden Süden des Ostseegebietes auf vielen Bäumen eingenistet hatten, und der Efeu wurden zur Gewinnung von Winterfutter genutzt. Vor allem die Eschen trieben nach einer Schneitelung rasch wieder aus. Sie wurden also weniger stark geschädigt, wuchsen weiter; so wurden sie zu einem Fruchtbarkeitssymbol. Efeu und Mistel, Linden und Ulmen wurden durch das Schneiteln stärker geschädigt und starben häufig ab. Zudem wurden die Ulmen, wie man annehmen muß, in der Phase des frühen Ackerbaus in Skandinavien von einem epidemischen Ulmensterben erfaßt. Die Ulmensplintkäfer, Verwandte des Borkenkäfers, die den Pilz übertragen, der das Ulmensterben auslöst, kamen leichter an den Splint der Bäume, wenn diese zuvor geschnitten worden waren. Sie konnten sich leicht in den Wunden der geschwächten Gewächse einnisten. In der Zeit um 3000 vor Christi Geburt wurden die Ulmen überall im nördlichen Europa dezimiert, auf den Britischen Inseln, an der südlichen Nord- und Ostsee, im südlichen Skandinavien. Das Ulmensterben griff dabei wohl auch auf Bestände der Bäume über, die außerhalb der besiedelten Regionen wuchsen und nicht durch das Schneiteln geschädigt worden waren.
Fortan gab es weniger Linden, Misteln und Efeu in den Wäldern rings um die Ostsee, vor allem aber nur noch selten Ulmen. Die Verbreitungsgebiete dieser wärmeliebenden Pflanzen hatten sich in den Jahrtausenden davor weit in den Norden vergrößert, nun wurde das Gebiet, in dem sie wuchsen, kleiner, und sie kamen in den Wäldern auch seltener vor. Ob dies aber alleine eine Folge der Nutzung durch die Menschen war, ist nicht ganz klar. Denn gerade in der Zeit des frühen Ackerbaus hat sich im Ostseeraum wohl auch noch das Klima geändert, und dies könnte die wärmeliebenden Gewächse ökologisch außerdem benachteiligt haben.
Quelle:
Hansjörg Küster (2004): Die Ostsee: eine Natur- und Kulturgeschichte. Verlag C. H. Beck oHG, München, Sonderausgabe, Ss. 140 - 141
Anmerkung meinerseits ... die Klimaveränderung, die damals stattgefunden hatte, hätte auch ohne den Menschen ausgereicht, die ganzen wärmeliebenden Pflanzen aus dem Norden zu drängen, es ist sehr wahrscheinlich, daß die Nutzung der Bäume nicht zu ihrem Rückgang beigetragen hatte bzw den eh unvermeitlichen Rückgang nur Beschleunigt hatte.
Ich finde es erstaunlich, daß derartig bewährte Winterfutterpflanzen, wie Mistel und Efeu, die seit der Steinzeit verfüttert worden waren, mit der Industrialisierung und damit der zunehmenden Industriefutterwerbung zu Giftpflanzen werden konnten! Vermutlich ist die Mistel genausowenig gefährlich für industriefuttergeplagte Tiere, wie der Efeu ... also tatsächliche Vergiftungsfälle durch das Zusammenspiel von Mistel und Industriefutter sind unwahrscheinlich.
Beim Efeu kann man sogar beobachten, daß Rinder, Ziegen und Schafe ebenso wie Meerschweinchen, Kaninchen und Chinchilla deutlich gesünder und robuster sind, wie ohne ... und es würde mich keinesfalls wundern, wenn dies auch für die Mistel gilt.
Sollte vielleicht das einseitige Puschen der Leistungsmerkmale dazu geführt haben, daß Efeu und Mistel zu Giftpflanzen verunglimpft wurden?
Tatsächlich gibt es bei Efeufütterung kein überschnelles Wachstum von Mastvieh mehr und Milchziegen, Milchschafe und Kühe bringen keine Rekordmilchmengen mehr. Dafür sind sie halt gesünder und robuster und Rinder werden mit Efeu angeblich sogar älter (sagte mir hier eine ältere Frau aus einem Nachbarort, ihre Familie hatte zumindest Efeu wohl noch bis nach dem 2. Weltkrieg gefüttert, über Mistel als Winterfutter dagegen wußte sie nix.)